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Wolkenträume

 

Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus in Detmold Pfingsten 1846

 

             

 

Textprobe:

Detmold, Pfingsten 1846

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie ihn vom Fenster aus die Leopoldstraße heraufkommen sah. Sie verließ das Haus durch das Eingangsportal an der Hornschen Straße und dann stand sie Theodor gegenüber. Lange hatte sie ihn nicht gesehen. Dabei wohnte er nur wenige hundert Meter vom Palais der Familie von Meysenbug entfernt, im Pfarrhaus an der Detmolder Stadtkirche. Da gingen zwar noch ihre Briefe hin und her, aber es war nicht mehr so wie früher.

Schweigend setzten sie sich in Bewegung und gingen stadtauswärts durch Wiesen und Kornfelder. Kein Wölkchen trübte den blauen Himmel an diesem strahlenden Pfingssonntag. Eine kurze Strecke wanderten sie zwischen jungen Birken und Kiefern, dann erreichten sie den Pfad im Wald, der auf die Grotenburg führte, zum Hermannsdenkmal. Angenehm zu wandern war es hier im Schatten zwischen den schlanken Buchenstämmen und dem Grün der frischen Blätter.

Als sich ihre Hände wie zufällig berührten und seine Finger sanft die ihren umschlossen, zog ein Schauer durch ihren Körper. Lass es nie zu Ende gehen, betete sie insgeheim, lass es so sein wie am Anfang, und sie spürte es wieder, wie er sie in seinen Armen gehalten und sie sich an ihn geschmiegt hatte und ihre Lippen, warm und weich … komm, mein Geliebter, komm ganz nah, wirf mich auf den weichen Waldboden, nimm mich … aber nein, er ist ja doch noch so jung, viel zu jung …

Malwida von Meysenbug (1816-1903)
Theodor Althaus (1822-1852)
Romain Rolland (1866-1944)